Es gibt Hobbies, die scheinen auf den ersten Blick belanglos. Wenn potentielle Hobbystempler ihren ersten Stempel sehen, haben sie fast alle den gleichen Gedanken: Ganz nett, aber was mache ich damit, wenn ich Tante Elfriedes Briefumschlag verschönert habe? So habe ich damals gedacht, so denken viele. Anders sieht es aus, wenn Bastler fertige Ergebnisse zu sehen bekommen, bevor man ihnen das Werkzeug zeigt. DAS ist mit einem Stempel gemacht?

Nun, wir alle wissen, es kommt nur darauf an, was man damit macht. Doch habt ihr euch einmal gefragt, wo eure geliebten Motivstempel herkommen, wie sie gemacht werden? Als ich 1996 mit dem Stempelhobby anfing, war die Antwort einfach: Aus der Gummipresse. Erste Versuche mit Polymerstempeln, auch Clear Stamps genannt, gab es bereits. Diese Dinger waren schnell kaputt und druckten schlecht.

Heutige Clear Stamps sind von deutlich besserer Qualität, ebenso deren jüngere Brüder, Stempel aus Silikonmasse. Beide sind durchsichtig, nehmen meist die Farbe gut an und leben länger als ihre Vorläufer. Hier gilt es, die Hersteller eurer Wahl zu testen und eure Lieblinge zu finden. Als Faustregel gilt wie so oft: Besonders günstige Clear Stamps stammen mit geringer Wahrscheinlichkeit aus einer hochwertigen Produktion. Hier entscheiden Geschmack und Geldbeutel.

Stempelpuristen lieben aber immer noch ihr Gummi über alles. Es lebt quasi ewig, ist hitzefest und sehr belastbar. Einziger Nachteil: Man kann nicht durchsehen. Und es ist teurer. Warum ist das so? Um zu verstehen, was den höheren Preis und Qualität von Stempelgummi ausmacht, möchte ich euch erklären, wie Gummi hergestellt wird:

Ich hatte das Glück, 1998 bei einem Hersteller von Gummistempeln arbeiten zu dürfen. Dort habe ich gelernt, wie Gummi vulkanisiert wird. Ohne diesen wunderbaren Prozess gäbe es keine Stempel, denn die Kautschukmasse, welche als Ausgangsmaterial dient, ist nicht „dauerelastisch“. Ich habe es getestet: Zieht man die Kautschukmischung in die Länge, verhält sie sich wie Plätzchenteig. Oder Knete. Die Masse wird lang und länger und bleibt auch so. Um die Masse elastisch zu machen, wird sie erhitzt.

Diese tolle Erfindung machte im Jahre 1839 ein Herr namens Charles Goodyear. Wie der Name schon vermuten lässt, hat er diesen Prozess nicht für Drucktechniken erfunden. Seine Idee benutzen wir alle heute im täglichen Autoverkehr. Ob Autoreifen oder kunstvolles Stempelmotiv, das Prinzip der Herstellung ist sehr ähnlich. Auf die Idee, aus Gummi auch Stempel zu machen, kam man erst, als die Farben dafür erfunden wurden. Man kann nicht mit jeder Farbe gut stempeln. Besondere Rezepturen werden in Form von Stempelkissen angeboten, und hier entstehen auch heute noch immer wieder neue Farben für neue Techniken mit interessanten Eigenschaften. Doch zurück zur Stempelherstellung….

Bei der Vulkanisation wird die Kautschukmischung unter hohem Druck auf bis zu 160°C erhitzt. Darum hatte jeder Stempelhersteller eine oder mehrere Gummipressen. Der deutsche Hersteller Heindesign aus Hagen hat seinen wohnzimmerschrankgroßen Pressen sogar liebevolle Namen gegeben. In meinem Betrieb standen kleinere Modelle, etwa so groß wie unser Kühlschrank, aber beide waren in der Lage, Din A4 große Gummiplatten zu erzeugen.

Bis zur fertigen Gummiplatte ist es ein weiter Weg: Am Anfang steht natürlich die Vorlage. Jeder hatte schon einmal einen Adressstempel in der Hand: Hier wurden für die Stempelvorlage Buchstaben gesetzt. Ob ein Stempel aber einen Buchstaben, oder eine Zeichnung druckt, das ist dem Gummi egal. Darum werden Motivstempel auf die gleiche Weise wie Textstempel hergestellt. Die optimale Vorlage ist eine schwarzweiß Zeichnung. Text, Bild, gerastertes Foto- egal, Hauptsache neben schwarz und weiß findet sich kein anderer Farbwert. Aus dieser Vorlage wird ein Film erstellt, hier ist unser Text oder Motiv im Negativ zu sehen und spiegelbildlich (wie das beim Drucken halt so ist).

Mit dem Film wird eine Polymerplatte belichtet, die dort aushärtet, wo Licht einfällt. Das ist dann wieder ein Positiv unseres zukünftigen Stempels. Mit dieser Platte wird eine sogenannte Mater (lat.: Mutter) erstellt, die bereits mit Druck und Hitze in der Gummipresse aus einer anderen Mischung gehärtet wird. Das klingt kompliziert? Ist es auch. Ich sagte ja, Gummistempel sind aufwändig hergestellt, was auch deren Preis erklärt.

Diese Mater ist dann die Form- wieder ein Negativ- in der endlich das Gummi in Form gebracht wird. Druck, Hitze und jede Menge Vorarbeit. Kommt das vulkanisierte Gummi aus der Presse ist es sehr heiß, ich muss dann immer an Plätzchenbacken denken. Das Gummi ist nach dem Abkühlen dauerelastisch, dass heißt es dehnt sich zwar, springt aber immer wieder in die gegebene Form zurück.

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Oben seht ihr solch eine Gummiplatte, bevor sie in die einzelnen Motive zerschnitten wird, hier in A5 Größe, mit verschiedenen Motiven.

Nun können wir damit stempeln…. fast. Genau, die ganze Platte ist ja riesig, A5 oder A4 groß. Darauf befinden sich viele einzelne Stempelmotive, diese werden dann entweder manuell ausgeschnitten oder gestanzt. Sie brauchen nun einen Griff, um den Stempel beim Drucken halten zu können. In der Anfangszeit der Motivstempel waren Stempel im Handel bereits vormontiert. Mit einer selbstklebenden, schwammähnlichen Zwischenschicht wurden diese auf einen mit dem Motiv bedruckten Holzgriff aufgebracht. Heute benutzen Stempler Polsterschichten mit Adhäsionsfolie (EZ Mount) , damit sie den Stempel wieder vom meist durchsichtigen Griff ablösen und besser lagern können, oder benutzen Griffe mit klebriger Oberfläche (Tack’n’Peel), um den Gummi ohne weitere Schichten am Griff zu befestigen. Dabei gibt das Tack’n’Peel etwas nach, denn ein Stempel druckt besser, wenn er leicht federnd aufgebracht ist.

Bereits um die Jahrtausendwende wurde ein weiteres Verfahren entwickelt, um Stempel aus Gummi herzustellen. Hierzu wird das Gummi wie oben beschrieben vulkanisiert, ohne jedoch ein Motiv darin einzuprägen. Diese glatte Gummiplatte wird nun gelasert, dabei wird mit einem Laser alles weggebrannt, was nicht drucken soll. Ausgangsbasis ist auch hier wieder das schwarzweiße Motiv, jedoch liegt ein Vorteil der Herstellung klar auf der Hand: Man benötigt keinen Film, Polymerplatte und Mater. Drei Schritte sowie eine Menge Material werden unnötig. Das freut den Hersteller und die Umwelt.

Doch die frühen Lasermaschinen waren sehr grob, und feine Motivstempel damit von sehr schlechter Qualität. Das hat sich heute sehr verbessert, ein Lasergummi muss einem vulkanisierten Gummi in nichts nachstehen. Allerdings ist nicht garantiert, ob bei einem sehr preiswerten Laserstempel auch das uns bekannte Gummi verwendet wird. Mit der Lasertechnik lassen sich viele weitere Materialien bearbeiten, hier ist Vorsicht geboten. Ich empfehle nur Laserstempel aus bekannten und verlässlichen Quellen zu kaufen.

Im Bild unten könnt ihr gut die Rillen erkennen, die der Laser in das Gummi gebrannt hat. Der Vordergrund ist leider etwas unscharf, da stieß meine Kamera an ihre (Makro)Grenzen. Mit bloßen Auge oder eine Lupe könnt ihr also ein Lasergummi von einem vulkanisierten unterscheiden. Die Zwischenräume bei vulkanisiertem Gummi sind immer ganz glatt.

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Ob Stempel nun gelasert oder gepresst werden sollten, kann nur mit Blick auf die Menge der benötigten Ware beantwortet werden: Die Herstellung einer Mater lohnt sich nur, wenn das Motiv mehrfach verwendet wird. Vulkanierte Einzelanfertigungen sind sehr teuer, da hier der ganze Aufwand für eine einmalige Anwendung nötig ist. Anders beim Lasern: Individuelle Motive sind materialschonender und zeitsparend herzustellen. Dieses Verhältnis wird bei der Massenproduktion auf den Kopf gestellt: Es geht deutlich schneller, ein Motiv zum Beispiel 10 Mal auf eine Mater zu setzen (welche nur ein einziges Mal hergestellt werden muss) und dann mehrfach zu pressen, als das gleiche Motiv mit einem Laser viele Male einzeln auszuschneiden. Je höher die gewünschte Stückzahl eines Motivs, um so mehr lohnt sich die „alte“ Verfahrensweise. Dies ist der Grund, warum ihr nach wie vor vulkanisierte Stempelgummis von großen Firmen mit hoher Auflage der Motive kaufen könnt, während kleine Anbieter ausgefallene Motive und Texte gerne gelasert anbieten.

Zum Abschluss möchte ich euch den Tipp geben, euch nach Gummi auch mal an anderen Orten umzuschauen. Ein guter Gummistempel ist immer aus vulkanisiertem und eventuell gelaserten Gummi, aber nicht jedes Gummi wird zu einem Stempel. Jeder kennt Wärmflaschen: Tolles Gummi mit tollen Mustern. Traut euch einmal, eine solche zu zerschneiden, tauscht die Muster untereinander. Schuhsohlen geben tolle Stempel ab, hier ist Experimentieren angesagt. Denke wir an die Ursprünge der Gummiherstellung zurück, dann kann man theoretisch auch mit Autoreifen drucken. Die kleinen Reifen von Lego-Autos sind perfekte Rollstempel, die endlose Muster erzeugen!

Was ist noch aus Gummi? Habt ihr weitere Ideen?

 

Diesen Artikel schrieb nach bestem Wissen eure Testerschwester Bärbel